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Im Spiegel
Eine
Erzählung aus Madrid von Sabrina Moserbacher
Das Café El
Espejo, an der Recoletos, gegenüber
der Biblioteca Nacional, für die eine
besondere Zugangserlaubnis als Wissenschaftler notwendig war, zeigte
sich als ein über den Jugendstil hinaus altes, von verspielter
Schönheit strotzendes Café, doch, wie so viele gediegene
Örtlichkeiten in der spanischen Hauptstadt, war es ohne online
Anschluss, so dass sich für Michael Welten, der sich aus dem
Großstadtrummel in das Espejo als einen warmen und gemütlichen Ort
geflüchtet hatte, das Arbeiten zwischen touristischen Gästen auf
die rein erzählende Zusammenfassung letzter Entwicklungen
beschränken musste, wodurch seine Aufzählung von Ereignissen der
vergangenen Wochen mit dem Jahrestreffen des Club de Madrid, dem Campus
de excelencia und der Wasser Konferenz im spanischen
Umweltministerium zum Thema der nachhaltigen Aufbereitung von Wasser
unter der Schirmherrschaft von Takashi
Asano nur einige bedeutsame Lichtblicke hervorheben konnte und
den Rest, seiner Erinnerung an eigentümlich gleichförmige und darum
unterschiedslose Tagesverläufe eines Reisenden in der Fremde
überließ, weil sie, unbelichtet und darum unreflektiert und zudem
der häuslichen und persönlichen Sphäre zugehörig, weniger
Bedeutsamkeit beanspruchen konnten gegenüber den offiziösen, ja,
staatlichen Gesellschaftsereignissen auf höchster Ebene, zu denen
sowohl der Zugang als auch überhaupt das Wissen um sie notwendiger
Weise beschränkt und darum elitär sein musste, was zu förderst mit
Zeitfragen der um ihre Subsistenz in Arbeitsverhältnissen ringenden
Menschen zu tun hatte, in zweiter Linie mit der ausdrücklichen
Absicht der Organisatoren besagter Events, Effizienz durch und für
ihre Mitarbeitenden herzustellen, wodurch diese automatisch elitär
und eingeordnet in die Strukturen ihrer jeweiligen Hierarchien
erschienen und erst in dritter Linie mit Intelligenz, Können und dem
Interesse, die gegebenen Herrschaftsverhältnisse, Abläufe und
Entwicklungen zum Zwecke zu meist persönlicher Vorteilsverschaffung
verstehen und handhaben zu können.
Natürlich waren
es nicht
nur touristische Gäste, sondern vor allem Angestellte aus den
anliegenden Büros, die ihre Pause bei einem Café
con Leche und einem Bocadillo im
Gespräch mit Arbeitskollegen im Espejo und
im nicht unweit gelegenen Gijon, gruppiert
um ihre Tische, zubrachten, während nebenbei eine junge Latina in
weißer Bluse, weit und darum weniger weit geöffnet, mit einem
weißen Käppchen auf dem Kopf das blitzende Messing der Armaturen
von Schweiß- und Fettfingern befreite, um es zu neuem Glanz
aufzupolieren und derart lockende Einblicke verschaffte in
Verhältnisse einer Vorzeit, in der Hausangestellte eine
Selbstverständlichkeit für die in diesen Etablissements
verkehrenden Kreise darstellten, so dass, weil es sich um eine
ausgesprochen hübsche Latina handelte, die Frage entstand, ob sich
seit jenen Vorzeiten tatsächlich so vieles geändert hatte, wie die
Medien der Moderne glauben machte und nicht doch alles beim Alten
geblieben war, wozu in Spanien insbesondere die Institution der
Monarchie zählte, die zwar beanspruchte, eine verfassungsmäßige Renovación erfahren und von daher mit den
vormaligen höfischen, vor allem auf aristokratischer Abstammung
basierenden Herrschaftsverhältnissen gebrochen zu haben, was jedoch
nichts anderes bedeutete, als dass der alteingesessene, auf immensen
Latifundien und agrarischer Produktion basierende Landadel ersetzt
war durch die Repräsentanten des industriellen Großkapitals,
wodurch zum Beispiel die Herzöge
von
Alba, die in der Gegend um Sevilla, wenn nicht gar in
der Stadt selber, Eigner des weitaus größten Anteils der Immobilien
und Ländereien waren, ihren unmittelbaren Einfluss auf den Gang der
Regierungsgeschäfte verloren hatten, dafür jedoch im Hintergrund
als Familienclan in maßgeblichen Stellen um so kräftiger an den
bedeutsamen Strippen und Drähten ziehen konnten, wodurch ihre
Marionetten auf den Bühnen des tagespolitischen Alltags Kapriolen,
Luftsprünge und Schelmereien vollführten, was als ein ziemlich
mechanistisches Gesellschaftsbild anmutet, erschien doch der
freiberufliche Notar und Anwalt als verlängerter Arm und somit als
Strippe mittels dessen das Schalten und Wirken aus gediegenen
Entscheidungszentralen erfolgte, wobei doch mittlerweile allen klar
geworden war, dass die Unübersichtlichkeit der Zusammenhänge von
Vernetzungen ein Gewirr an Strippen und Drähten hervorgerufen hatte,
welches am schicklichsten und besten sich selber überlassen blieb,
funktionierte es doch mehr oder weniger gut und schlecht und störte
auch niemanden ernstlich, sondern gab vielmehr Arbeit und Brot und
das in einer Zeit, in der es gerade von diesen wenig hatte, was
normaler Weise zu Aufruhr geführt hätte, doch angesichts der
produktiven Effizienz besagter Kapazitäten jener wenigen
Steinreichen, die heutzutage die imaginäre höfische Gesellschaft
bildeten, erstickt wurde unter den Objekten der Wunschfantasien des
gemeinen Volkes: Auto, Schiffsreise, Eigenheim im Grünen, Kinder,
Enkel und Familienfeste, Theater, Konzert und schließlich Sex in der
eignen Sauna, heimlich, mit besagtem Hausmädchen, nach einer
ausführlichen Massage, die anheim stellte, den (spanischen)
Anarchismus auf eine Negation der Wirklichkeit reduzieren zu können,
weil er dogmatisch versuchte jegliche Strukturen zu leugnen und
vorgab, sie einebnen zu wollen, so dass gleichförmige
Unterschiedslosigkeit entstünde, was jedoch der Unkenntnis des
(spanischen) Anarchismus geschuldet blieb und sich somit zu der
Behauptung auftürmte, um nicht zu sagen zur Projektion eines
Wunschfantasmas aufschwang, das darin bestand, die gesellschaftlichen
Kräfte der Gegenwart spielten Michael Welten insbesondere die
sozialdemokratischen Perspektiven und Optionen zu, weil sie zur Zeit
die regierenden in Spanien waren, weshalb die gesellschaftlichen
Kräfte, ob nun belebt, intelligent, absichtsvoll und vorausschauend
gedacht oder aber im Gegenteil: Tot, dumm, unabsichtlich und blind,
wobei alleine diese Beschreibung, die gemeinhin für das einfache
Dasein der Materie verwendet wird, die Undurchdrungenheit von Leben,
Wollen und Intelligenz des globalen Gesellschaftsganzen in Frage
stellte, ihm gegenüber zu förderst keine unbelebte Materie war,
sondern das Zusammenspiel aller partikularen und institutionellen
Bewegungen darstellte, auf das er als ein wahrnehmendes,
entscheidendes und handelndes Subjekt einwirkte, um dabei das beste
für sich herauszuholen, als auch dass dieses Zusammenspiel auf ihn
einwirkte, um seinerseits das beste aus ihm für sich, also für alle
heraus zu holen, wobei er konstatierte, dass sich vom Ganzen einige
wenige überproportional viel angeeignet hatten, was er ungerecht
fand und wodurch er weniger selbstverantwortlich schien, also
ohnmächtig für sein Bestes, nämlich für sein persönliches Glück
und Unglück zu sorgen, weil es sich mit ihm so verhielt, wie mit dem
Soldaten in seiner Truppe, wie mit dem Schiffspassagier auf einem
Luxusdampfer und wie mit dem Schüler in seiner Klasse, der also
betroffen wird vom Schicksal der Gesamtheit, der er zugehört und das
durch Entscheidungen andernorts bestimmt wird, so dass sich jeder
einzeln wie auch die Gesamtheit diesen Entscheidungen gegenüber
sieht, wodurch diejenigen, die sie treffen, fällen und beschließen
in den entscheidenden Vorteil kommen, am besten über die
Konsequenzen ihrer Entscheidungen Bescheid zu wissen und
dementsprechende Tantiemen, Honorare und verdeckte, doch legale
Vorteilsmitnahmen einstecken können, die aus Gefälligkeiten rühren,
wie Insider Tipps bis hin zu offiziellen Informationsgesprächen und
purer Gegenwart, die denken, um nicht zu sagen nachdenken lässt und
zwar in einer Weise, die zu profitablen Aktionen gleich Investitionen
und Gewinnmitnahmen führen, so dass die Strukturierung der globalen
wie lokalen Gesamtgesellschaft hierarchisch geordnet erscheint,
wodurch sich ein jeder verorten kann im Gewühl der Masse, die gleich
macht, was so unterschiedlich ist, von Geburt an, wird der Mensch
doch nicht nur hinein geboren in die Lebensverhältnisse seiner Mama
und deren Mann, der sich liebevoll Vati, Papi und Paps nennen lässt,
sondern er wird von diesen ausgestattet, unterstützt und schließlich
mit der Übernahme ihres Familienerbes betraut, das
wiederum gesamtgesellschaftlich hierarchisch pyramidial strukturiert
in der Forbesliste
der Welt reichsten
Persönlichkeiten, reduziert auf einen einzelnen
Eigentümer und Entscheider über sein Vermögen, alljährlich, wie
beim Derby von Royal
Ascot, bei dem die Damen ihrer Herren mit den neuesten
Hutkreationen Furore machen und gemäß der Breite ihrer Krempe, wie
die Flaggschiffe stolzer Nationen, eingeordnet werden kann.
Dem
entsprechend empfiehlt sich eine Stippvisite nach Valencia. Im Hafen,
der zentral für die Stadt, neben dem Güterhafen liegt, finden sich
die Bootshallen des 32.
und 33. America´s Cup. Um die Größe und Bedeutung
dieser Segelregatta einzuordnen, ist sie mit der Formel 1 im
Rennwagensport zu vergleichen. Was sich auf dem Lande rund um die
Formel 1 an Kapital, Renommee und Attraktivität zusammenballt,
findet sich, jedoch mehr dem Schwergewichtsboxen ähnelnd, auf das
Meer bezogen beim America´s Cup wieder. Es geht mir dabei jedoch
weniger um das sportliche Globalereignis, als vielmehr um die
Selbstinszenierung des sich feiernden Großkapitals. Im Tonfall des World
Economic Forums werden die Helden der See anlässlich
ihrer Siegesfeier aufgenommen in die Gesellschaft der Superreichen,
die als Mäzene den Maßstab abgeben für das, was in einem
Menschenleben vorgeblich durch Leistung, Können, Mut und Glück zu
erreichen ist. Diejenigen, die schon immer dazu gehörten, sind auch
diejenigen, die aufnehmen oder aber ausschließen. An dieser Stelle
der Siegesfeiern wird die auf Erbschaft basierende
Stammesgesellschaft der modernen Globalgesellschaft sichtbar. Wenn
das globale Dorf der Superreichen zusammen tritt und sowohl Schönheit
wie auch der Besitz von Höchstleistungen Werte darstellen, so einzig
in Hinsicht darauf, die eigne Stellung, Macht und
Handlungsmöglichkeit im Verhältnis zu anderen festzuschreiben. Im
Spielcasino von Monaco stellt sich diesbezüglich die Frage, wer an
welchem Spieltisch zusammen kommt, denn ob nun Formel 1, America´s
Cup oder aber der Pferderennsport, Kunstauktionen und Musikfestivals
erweist sich als gesellschaftliches Handeln auf jeweils sehr
verschiedenen Feldern. Sie sind von Vorlieben bestimmt, dem Mann
beziehungsweise der Frau von Welt obliegt es jedoch, gewisse
Kenntnisse auf all diesen Feldern erworben zu haben, um als
eingesessenes Mitglied des globalen Dorfes gelten zu können.
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